Mainzer Tor 18 – ein Haus auf Reisen

Die meisten Häuser stehen dort, wo sie einst gebaut wurden, und erzählen ihre Geschichte am gleichen Ort. Das Haus am Mainzer Tor 18 aber hat eine besondere Reise hinter sich – es blieb nicht an seinem Ursprungsplatz.

Seine Geschichte beginnt vor gut 300 Jahren im Göringer Grund bei Romrod. Dort ließ Landgraf Ludwig VIII. ein Jagdlager errichten – nicht irgendeines, sondern ein standesgemäßes. Wenn der Landgraf samt Hofstaat und Gästen auf die Pirsch ging, sollte es schließlich an Komfort nicht fehlen. So entstanden 14 Gebäude, darunter unser Haus, das damals als Gästehaus für die feine Gesellschaft diente.

Doch die Jagdleidenschaft verging, und Landgraf Ludwig X. ordnete 1797 an, das Jägertal aufzulösen. Die Häuser wurden teilweise abgebaut und buchstäblich versetzt. So fand unser Haus schließlich seinen neuen Platz in Alsfeld am Mainzer Tor. Ein baugleiches „Geschwisterhaus“ aus dem Jägertal findet man übrigens ebenfalls noch in Alsfeld.

Seit Generationen und bis heute befindet sich das Haus im Besitz der Familie Seibert, die seine Geschichte eng begleitet hat. So betrieben hier vor dem Zweiten Weltkrieg der Großvater der heutigen Eigentümerin eine Schuhmacherwerkstatt und ihr Vater eine Tierarztpraxis. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Haus stark beschädigt, später aber wieder auf- und umgebaut. Zwischenzeitlich diente es als Schuhgeschäft, Ballettschule oder beherbergte einen Schallplattenladen.

Seit 1999 ist hier „Wirkner Optik-Schmuck“ zuhause und führt die Tradition des Hauses als modernes Sehexpertenzentrum fort. 2008 erhielt die Fassade ein frisches Gesicht, 2013 wurde das Innere erweitert.

So steht es nun am Mainzer Tor – ein Gebäude, das gleich zwei Geschichten erzählt: die vom adeligen Jagdglanz im Jägertal und die vom bunten Stadtleben mitten in Alsfeld. Wer es betritt, macht unweigerlich eine kleine Zeitreise.