Vom Totenschrein zum Wissensschatz: Alsfelds Beinhaus

Versteckt hinter der Walpurgiskirche in Alsfeld steht ein Gebäude, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber eine Geschichte erzählt, die über Jahrhunderte reicht: das Beinhaus.

Seine erste Aufgabe war – sagen wir mal – etwas morbider: Im Mittelalter wurden im Beinhaus die Gebeine der Alsfelder aufbewahrt. Immer dann, wenn auf dem Friedhof neue Gräber angelegt wurden und dabei Knochen aus älteren Bestattungen ans Licht kamen, landeten diese im Beinhaus. Es lag ganz bewusst nah an der Kirche, damit die Seelen der Verstorbenen weiter am Segen der Messe teilhaben konnten. Platzmangel auf den Kirchhöfen, immer mehr Einwohner und Opfer von Seuchen machten solche „Knochenlager“ im Mittelalter zur Normalität.

Mit der Zeit verlor sich dieser Brauch jedoch und das Beinhaus wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach seine Funktion.

Im 17. Jahrhundert zog hier eine Malzdarre ein, in der das Malz für das städtische Brauhaus getrocknet wurde – ganze zwei Jahrhunderte lang! Nach Aufgabe von Braumonopol und Brauhaus, trennte sich die Stadt von dem Gebäude. Im Laufe der Zeit diente es als Lagerraum, Glaserei, Schreinerei und sogar zeitweise als Schulungsraum für angehende Tischler und Raumausstatter.

Anfang des 20. Jahrhunderts veränderten Umbauten des damaligen Besitzers das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes auf markante Weise – sehr zum Leidwesen der Denkmalpflege. Dabei entstand unter anderem ein zusätzliches Obergeschoss, das bis zum großen Umbau Ende der 1970er-Jahre bestehen blieb.

1963 kaufte die Stadt Alsfeld das Beinhaus zurück. Dann passierte erstmal… nichts. Das Dach war marode, das Gebäude wirkte heruntergekommen. Erst Stadtarchivar Dr. Herbert Jäkel brachte frischen Wind: 1975 schlug er vor, das Beinhaus zum Stadtarchiv umzubauen. Die Stadtverordneten stimmten 1977 zu.

Zwischen 1979 und 1983 wurde kräftig umgebaut: Das unpassende Obergeschoss aus dem Jahr 1907 wurde entfernt und ein neues Steildach errichtet. Im Innern gab die alte Fachwerkkonstruktion den Platz frei für eine Regalanlage, die Raum für das Archivgut bot. Auch der Gewölbekeller wurde in die Pläne einbezogen. Die letzten Gebeine wurden hier übrigens bereits 1824 entfernt.

Am 12. August 1983 begann ein neues Kapitel: Aus dem Beinhaus wurde das Gedächtnis der Stadt. Heute lagern hier keine Knochen mehr, sondern Akten, Urkunden, Fotos und Dokumente, die die Geschichte Alsfelds lebendig halten.